Donau-Friedenswelle

Mutmach-Geschichte

Alltägliche Geschichten, die Mut machen, sich zu Wort zu melden, wenn einer klein geredet wird, sich zu einem Menschen zu stellen, der ausgegrenzt wird, sich einzumischen, wo Ungerechtigkeit geschieht…

Haben Sie ähnliche Situationen schon einmal erlebt? Schreiben Sie uns Ihre persönliche Mutmach-Geschichte als Bericht, Nacherzählung oder auch fiktive Erzählung und senden Sie Ihren Text bis Juni 2011 an Frank Dettinger, Evang. Oberkirchenrat, Projektstelle Ökumenische Dekade, Gänseheidestraße 4, 70184 Stuttgart, Telefon: 0711/2149-215, Fax: 0711/2149-9215, e-Mail: Frank.Dettinger@elk-wue.de.

Ausgewählte Beiträge werden mit Ihrer Zustimmung auf dieser Homepage und später eventuell in Buchform veröffentlicht.

Die folgenden Geschichten wurden für das MUT PROBEN-Projekt geschrieben. Sie dürfen unter Angabe der Quelle www.mut-proben.de gerne verwendet werden.
Postkarten mit einzelnen Texten können bestellt werden bei der Arbeitsstelle "Gewalt überwinden" der Nordelbischen Evang.-Luth. Kirche, e-Mail: geschichten@mut-proben.de oder telefonisch unter 040 - 60 55 80 22.

Er streckt die Hand aus. Ich bin völlig verdattert.

Es ist regnerisch, die Straßen schimmern nass und glatt. Ich muss mit dem Auto zu einem Termin und bin spät dran. Da passiert es: Eine Ampel springt auf Rot, ich bin gerade mit dem Spurwechsel beschäftigt, kann nicht mehr rechtzeitig bremsen und rutsche dem Auto vor mir auf die Stoßstange.

Nach dem ersten Schreck steige ich aus und mache mich auf großen Ärger gefasst. Der Autofahrer vor mir steigt auch aus, kommt auf mich zu und streckt seine Hand aus. „Guten Morgen erstmal“, meint er, und wir geben uns die Hand.
Ich bin völlig verdattert. Mein Stresspegel sinkt schlagartig um die Hälfte. Wir können uns sehr freundlich über den Unfall austauschen und stellen erleichtert fest, dass nicht viel passiert ist. Als wir uns verabschieden, habe ich fast das Gefühl, einen netten Bekannten getroffen zu haben.

Erlebt von Stephan Pohl-Patalong

Und – soll ich auch hier weg?

Mist, 20 Minuten auf den Bus warten! Neben mir unterhalten sich zwei ältere Damen. Eigentlich will ich gar nicht hinhören, aber dann höre ich doch hin.
Sie lästern: „Meine Güte, in diesem Land sind einfach zu viele Ausländer! Die machen nur Arbeit und kosten unser Geld!“

So geht das eine Weile. Dann raffe ich mich auf, mit meinen elf Jahren, und gehe zu den Damen. „Hallo, ich habe ihr Gespräch gehört. Ich hab da eine andere Meinung! Ausländer sind auch Menschen, und sie sind nicht ohne Grund hier! Würden Sie mir ins Gesicht sagen, dass ich hier weg soll, weil ich eine Halbtürkin bin? Ich bin nämlich zur Hälfte türkisch, und mit dem Herzen bin ich es sowieso!“

Die beiden Damen schauen mich irritiert an. Eine der beiden meint, bei mir sei das ja was anderes. Sie sei schon in der Türkei gewesen, das wären sehr gastfreundliche Menschen. Ich frage sie: „Und was ist dann anders?“

Nach einem längeren Gespräch habe ich die eine Frau überzeugt. Die andere habe ich zur Weißglut gebracht. Als der Bus kommt, bin ich stolz auf mich. Die Überzeugte unterhält sich weiter mit mir. Die andere setzt sich mit versteinerter Miene weit weg von uns.

Erlebt von Sinem Löbe

Draußen steht maßlos verblüfft der Breitschultrige

Erregtes Reden in der U-Bahn stört mich auf. Zuerst sehe ich einen Mann: groß, blond, stämmig, Elbseglermütze über dem Vertrauen erweckenden Gesicht. Dann erst bemerke ich die kleine Frau, sichtbar Ausländerin. Sie hat ein Mädchen an der Hand und versucht, einen Kinder wagen durch die Tür zu bugsieren. Aber der große Blonde weicht keinen Zoll zur Seite. „Bitte lassen Sie einsteigen!“, ruft die Frau. Er steht da, wie eine deutsche Eiche. Verzweifelt schiebt sie ihn schließlich mit dem Kinderwagen weg, während zwei junge Männer die Tür am Zuschnappen hindern. Nun öffnet sich der Mund unter den Blauaugen: „Sowat is wohl bei euch in Afgahanistan üblich oder wo ihr herkommt – schert euch doch dahin zurück!“

Da geschieht es. „Unerhört!“ ruft eine Frau, andere stimmen ein. An der nächsten Haltestelle wird der markige Typ von der geballten Macht sanfter Frauenhände hinaus auf den Bahnsteig gedrängt. Der Zug fährt an, draußen steht mit maßlos verblüfftem Gesicht der Breitschultrige, und drinnen sagt die kleine Frau: „Aber er wollte doch weiterfahren…!“

Erlebt von Helle Wiese

Frau Lindemann hat keine Bonsche

Freitags ist Seniorennachmittag im Gemeindehaus. Nach und nach kommen sie an, die älteren Damen und Herren, um hier ein paar nette Stunden unter Gleichgesinnten zu verbringen. Vor der Tür halten sich die vier kleinen Mädchen des Pastorats, zwischen fünf und acht Jahre alt, zur Verfügung. Nicht nur, um zuverlässig hilfreich Schirm und Handtasche vom jeweiligen Auto in den Gemeindesaal zu tragen. Vor allem, um Frau Lindemann zu erwarten. In ihrer Handtasche liegen zuverlässig vier kleine „Bonschetüten", die gerne in Empfang genommen werden. Immer freitags.

Endlich kommt Frau Lindemann an. Sie ist freundlich wie immer, klönt wie immer mit den Mädchen, die sie erwartungsvoll begrüßen. Kleine Witzchen, kleine Schnacks auf beiden Seiten. Frau Lindemann macht aber keine Anstalten, in die Tasche zu greifen. Keine Bonschetüten, diesen Freitag nicht. Sie dreht sich schließlich zur Tür um und sagt: „Na, dann werd ich mal reingehen." Hanna, in wenig verhohlener Empörung, sagt halblaut: „Dann geh doch, du Alte." Frau Lindemann ist zwar mit ihren beinah 90 Jahren etwas gebrechlich, aber sie hört noch ziemlich gut. Sie dreht sich zu Hanna um, blickt sie an. Die Mädchen stehen wie angenagelt. „Du hast recht," sagt sie ganz gelassen, „ich bin tatsächlich alt. Und jetzt geh ich rein."

Erlebt von Gisela Mester-Römmer

Bügeln für den Frieden

Ich komme selig und erfüllt von einem Fest nach Hause. Es ist schon ziemlich spät, aber mein Mann ist noch wach. Er steht vor dem Fernseher und bügelt, auf dem Tisch türmt sich ein Berg gefalteter T-Shirts, im Korb ein Berg ungebügelter Hemden. Meinen freundlichen Gruß erwidert er nicht. Stattdessen knurrt er: „Na, hattest Du es schön? Weißt Du eigentlich, was hier los war? Die Kinder, Hausaufgaben, Chaos in der Wohnung, ich hab´s so satt." Im Reden wird er immer wütender, zieht den Stecker vom Bügeleisen und verschwindet auf dem Balkon. - Ich hatte mir den Abend eigentlich anders vorgestellt. Gemütlicher Ausklang bei einem Glas Wein. Daran ist jetzt überhaupt nicht mehr zu denken. An Reden sowieso nicht. Ich weiß jetzt auch nicht weiter. Schließlich versuche ich, Enttäuschung und Ärger beiseite zu schieben,  stöpsele das Bügeleisen wieder ein und fange an, die restlichen Hemden zu bügeln. Das braucht seine Zeit. Ich merke, wie ich langsam wieder ruhiger werde. Irgendwie kann ich ihn ja auch verstehen. Als der Korb leer ist, schau ich auf den Balkon. Auch bei ihm sind die dunklen Wolken inzwischen verraucht. „Entschuldige bitte, es war einfach ein anstrengender Tag für mich. Wollen wir nicht ein Glas Wein zusammen trinken?"

Erlebt von Kirstin Faupel-Drevs und Franz-Josef Faupel