Grußwort der Bischöfe
„Es ströme das Recht wie Wasser“, so anschaulich beschreibt der Prophet Amos (5,24) seine Vision. Sie soll auch leitend sein für den grenzüberschreitenden und verbindenden Abschluss der „Dekade zur Überwindung von Gewalt“ entlang der Donau in 2010/11.
Die Donau mit mehr als 2800 Kilometern Länge und einem Einzugsgebiet von nahezu 800.000 Quadratkilometern ist der bestimmende Strom Mittel- und Südosteuropas. Sie fließt durch sechs Länder (Deutschland, Österreich, Slowakei, Ungarn, Serbien, Rumänien), bildet den Grenzverlauf von vier weiteren (Kroatien, Moldawien, Bulgarien, Ukraine) und bindet zumindest indirekt sechs weitere an (Schweiz, Italien, Slowenien, Bosnien-Herzegowina, Albanien, Montenegro).
Die Donau wurde seit Jahrtausenden als Verbindungs- und Transportweg genutzt, und zwar zu Beginn von der Mündung stromaufwärts. Kommt daher der Brauch, dass bei der Donau - anders als bei allen anderen Flüssen - die Kilometer stromaufwärts, also von der Mündung zur Quelle gezählt werden? Die Donau war auch die Achse kriegerischer Auseinandersetzungen: Die Nibelungen zogen donauabwärts in ihren Untergang, die Osmanen kamen den Strom herauf bis vor die Tore Wiens. Friedrich Hölderlin hat in seinem Gedicht „Am Quell der Donau“ die verbindende Funktion des Stromes besungen. Sie verbindet für ihn Asien und Europa: über die Donau „kam das Wort aus Osten zu uns“. Claudio Magris stellt in seiner „Biographie“ der Donau den Rhein gegenüber: Anders als der Grenzfluss des deutschen Reiches steht die Donau für die Pluralität. Sie verbindet Ulm, Regensburg, Passau, Linz, Wien, Bratislava, Budapest, Belgrad mit der Schwarzmeerregion, sie durchfließt das deutsch-slawisch-ungarisch-romanische Mitteleuropa, das katholisch, evangelisch, orthodox, jüdisch und muslimisch war und ist. So wurde sie zum „Symbol einer vielfältigen, übernationalen Koine“, einer „internationalen Ökumene“.
Im zusammenwachsenden Europa geht es uns mehr denn je darum, das Gemeinsame in unseren Ländern, Kirchen und persönlichen Problemen neu zu entdecken und so allmählich das Trennende zu überwinden. In den Kirchen haben sich seit Jahrhunderten gemeinsame Glaubensziele und verbindende Werte herausgebildet. Sie haben seit alters her Bilder und Symbole aus Bibel und Bekenntnis, die diese Gemeinsamkeit versinnbildlichen, herausgestellt. Der Fluss, die Donau, der unsere fünf Länder und ihre Kirchen geographisch verbindet, das fließende Wasser und die Wellen – das alles ist Ausdruck der sich fortbewegenden, sich entfaltenden Energien, die die Zusammengehörigkeit von Menschen, Völkern und christlichen Gemeinden bewusstmachen.
Auf diesem Hintergrund wollen die Kirchen der Donauländer gemeinsam den Abschluss der „Dekade zur Überwindung von Gewalt“ gestalten. Die „Donau-Friedenswelle“ beginnt mit einem zentralen Auftakt in Ulm am 5. September 2010 und findet ihren Abschluss bei einem Fest Anfang Juli 2011.
Die Zeit vom Auftakt bis zum Abschlussfest gestalten die Kirchen als „ liturgische Donaufahrt“, die die Länder miteinander verbindet. Möglichst viele Gemeinden, nicht nur die, die an der Donau liegen, sollen sich an der „Donau-Friedenswelle“ beteiligen. Eine eigens gestaltete Gottesdienstliturgie lädt überall zum gemeinsamen Feiern ein, in jedem Land wird eine zentrale Veranstaltung stattfinden.
In Württemberg wird die „Donau-Friedenswelle“ im Rahmen des Donaufestes am
5. September 2010 im Ulmer Münster eröffnet. Zwei Monate lang soll in unserer Landeskirche Raum sein für einen Rückblick über die vielfältig geleistete Arbeit im Bereich der Gewaltüberwindung. Zugleich sollen die verbleibenden dringenden Herausforderungen der Friedensarbeit reflektiert und erörtert werden.
In Bayern wird die zentrale Veranstaltung der „Donau-Friedenswelle“ in Niederaltaich am 20. November 2010 gemeinsam mit ökumenischen Partnern und an der Dekade beteiligten Organisationen gestaltet. Schwerpunktthemen der Dekade werden in den Mittelpunkt gestellt, die Vielfalt an Aktionen und Projekten der vergangenen zehn Jahre gewürdigt sowie Anregungen und Impulse zur Weiterarbeit über das Ende der Dekade hinaus gegeben.
In Österreich wird die bewährte Zusammenarbeit des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) und des Netzwerkes für Frieden und Gewaltfreiheit zum Tragen kommen. Kirchliche und zivilgesellschaftliche Initiativen setzen miteinander an der Donau Impulse zur Überwindung von Gewalt.
In der Slowakei wird die „Donau-Friedenswelle“ in Zusammenarbeit mit Kirchengemeinden, die an der Donau liegen organisiert. Es sind auch einige Kirchengemeinden beteiligt, die nicht direkt an der Donau liegen.
Wir betonen, dass der Friede in menschlichen Beziehungen, zwischen Völkern, Nationen aus dem Frieden hervorgeht, den uns nur Jesus Christus mit der Kraft des Heiligen Geistes geben kann (Joh 14,27). In solchem Frieden, der die Frucht des Geistes ist (Gal 5,22), wollen wir leben, Entscheidungen treffen und handeln.
Auch in Ungarn leiden wir unter den verschiedenen Formen der Gewalt und Aggression. Wir können Sanftmut und Demut von Jesus, dem Fürst des Friedens, lernen. Wir glauben, dass die Gewalt keine Zukunft hat. Jesus hat uns versprochen: „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.“ Helfe uns auch die Donau-Friedenswelle in diese Richtung!
Was immer schon gemeinsames Sehnen und Hoffen war, ist der Wunsch nach Frieden. Möge das Vorhaben „Donau-Friedenswelle“ zu einer solchen Neuentdeckung einer gemeinsamen Aufgabe unserer Kirchen werden. Die Einprägsamkeit und Lebendigkeit der Symbolik, die schon durch den Namen dieses Projektes anspricht, wird – so hoffen wir, die Evang. Kirche A.B. in Rumänien – viele unter uns bewegen, mitnehmen und zum Handeln anregen.
Wir rufen alle an der Dekade aktiv Beteiligten, alle Kirchengemeinden und alle Interessierten in unseren Ländern auf, den Abschluss miteinander zu begehen und gemeinsam zu gestalten und wünschen allen, die mitwirken, Gottes Segen. Es ströme das Recht wie Wasser!
Stuttgart, München, Wien, Bratislava, Budapest, Sibiu/Hermannstadt,
im Frühjahr 2010
Dr. h.c. Frank Otfried July, Landesbischof der Evang. Landeskirche in Württemberg
Dr. Johannes Friedrich, Landesbischof der Evang.-Luth. Kirche in Bayern
Hon.-Prof. Dr. Michael Bünker, Bischof der Evang. Kirche A.B. in Österreich
Vorstandsmitglied ÖRKÖ
Dr. Miloš Klátik, Generalbischof der Evang. Kirche A.B. in der Slowakei
Péter Gáncs, Bischof der Evang.-Luth. Kirche in Ungarn
D. Dr. Christoph Klein, Bischof der Evang. Kirche A.B. in Rumänien
